Ein Denkmal ist kein gewöhnliches Gebäude. Es trägt Geschichte in seinen Mauern, in den Spuren der Werkzeuge, in den Farbschichten der Wandmalerei. Doch diese Geschichte ist nicht statisch. Sie verändert sich - durch Wetter, Zeit, unsachgemäße Reparaturen, Feuchtigkeit. Wer ein Denkmal sanieren will, muss erst einmal verstehen, was da eigentlich vorliegt. Nicht was man glaubt, was da ist. Sondern was wirklich da ist. Und das heißt: Zustandserfassung.
Was genau ist Zustandserfassung?
Zustandserfassung ist kein Sammelsurium aus Fotos und Kratzern auf Papier. Es ist ein systematischer Prozess, der den tatsächlichen Erhaltungszustand eines Denkmals dokumentiert - bevor irgendeine Handarbeit beginnt. In der Fachsprache sagt man: Istzustand. Das ist der Zustand, den man vorfindet. Nicht der, den man sich wünscht. Nicht der, den man vermutet. Sondern der, der wirklich da ist. Diese Dokumentation ist die Grundlage für jedes Gutachten, das später die Sanierung leiten soll. Ohne sie ist jede Restaurierung ein Risiko - und oft ein Fehler.Die Methode wurde in den 1970er Jahren in Deutschland systematisch entwickelt. Heute ist sie nicht mehr nur Handarbeit mit Lineal und Kamera. Sie ist ein Mix aus alter Kunst und neuester Technik. Der Leitfaden des Bundesdenkmalamts Österreich aus 2019 definiert sie klar: Zustandserfassung ist Stufe I. Monitoring, also die langfristige Beobachtung, ist Stufe II. Beides gehört zusammen. Aber ohne die erste Stufe gibt es keine zweite.
Drei Säulen der Zustandserfassung
Es gibt drei Säulen, die zusammen den vollständigen Zustand eines Denkmals abbilden: Gutachten, Kartierung und Fotos. Keine davon reicht allein aus. Sie ergänzen sich wie Puzzleteile.1. Gutachten - das ist der abschließende Bericht. Er wird von staatlich anerkannten Sachverständigen erstellt, wie es das Denkmalschutzgesetz vorschreibt. Ein Gutachten sagt nicht nur, was kaputt ist. Es sagt auch: Warum ist es kaputt? Wie stark ist der Schaden? Ist das noch Originalsubstanz oder eine alte Reparatur? Wie dringend muss gehandelt werden? Hier wird die gesammelte Datenlage interpretiert. Und hier liegt die größte Fehlerquelle: In 68 % der geprüften Gutachten fehlte eine klare Trennung zwischen Original und späteren Ergänzungen. Das führt dazu, dass 41 % der geplanten Sanierungen falsch angegangen werden. Ein Gutachten ohne präzise Zustandserfassung ist wie ein Rezept ohne Zutatenliste.
2. Kartierung - das ist das Herzstück. Hier wird der Zustand des Denkmals auf eine Zeichnung oder ein entzerrtes Foto übertragen. Man teilt das Objekt in Bereiche ein und markiert, wo was kaputt ist. Das kann sein: Risse, fehlende Steine, abgeplatzte Farbe, Pilzbefall, Feuchtigkeitsschäden. Die Kartierung unterscheidet drei Arten: Bestandskartierung (Was ist da? Welches Material? Welche Bauphase?), Zustandskartierung (Was ist kaputt? Wie stark?) und Maßnahmenkartierung (Was wurde schon gemacht?).
Als Grundlage dient ein exaktes Aufmaß, ein Messbild oder ein korrigiertes Foto. Für ein durchschnittliches Fachwerkhaus braucht man 80 bis 120 Stunden für die manuelle Kartierung. Digitale Methoden reduzieren das auf 30 bis 50 Stunden. Aber: Nur weil es schneller geht, heißt das nicht, dass es besser ist. Die LVR-Amt für Denkmalpflege fand heraus: In 87 % ihrer Fälle wurden Schäden übersehen, weil die Kartierung nicht detailliert genug war. Die Detailtiefe zählt. Ein Riss, der nur 2 mm breit ist, kann ein Hinweis auf ein tiefer liegendes Problem sein. Wer das nicht erfasst, sanierter später den falschen Teil.
3. Fotos - das ist die visuelle Wahrheit. Fotos müssen nach DIN 4150-3 aufgenommen werden. Das bedeutet: Drei Ebenen. Erstens: Gesamtaufnahme. So sieht das Gebäude von außen aus. Zweitens: Detailaufnahme. Hier sieht man, wie die Holzbalken an der Ecke verfault sind. Drittens: Makroaufnahme. Mit Maßstab. So kann man später genau sehen: War das jetzt ein Holzwurmloch oder eine alte Bohrung? Die Fotos sind kein Beiwerk. Sie sind Beweis. Sie zeigen, was die Kartierung nur skizziert. Und sie bewahren den Zustand für die Zukunft - falls später jemand fragt: War das wirklich so?
Digitale Technik: Fluch oder Segen?
Laserscanning, Drohnen, 3D-Modelle - die Technik hat die Zustandserfassung revolutioniert. Ein Laserscanner erfasst bis zu zwei Millionen Punkte pro Sekunde. Mit einer Genauigkeit von 1 bis 5 mm. Man bekommt ein digitales Zwillingsmodell des Denkmals - mit allen Rissen, Unebenheiten, Verformungen. Das ist beeindruckend. Und teuer: 1.200 bis 1.800 Euro pro Objekt.Photogrammetrie mit Drohnen ist günstiger, aber fast genauso genau: 0,5 bis 2 cm. Sie eignet sich gut für Fassaden, Dächer, Türme. Ultraschallprüfung kann hinter die Wand schauen - bis zu 50 cm tief. Sie findet Hohlräume, versteckte Risse, feuchte Stellen mit 92 bis 95 % Genauigkeit.
Aber: Technik ersetzt nicht den Menschen. Prof. Dr. Annette Kuhlmann von der TU Wien warnt: In 23 % der Fälle ersetzt die Faszination für die Technik die sachkundige Beurteilung durch erfahrene Restauratoren. Ein Algorithmus kann einen Riss erkennen. Aber er kann nicht sagen, ob er neu ist oder schon seit 1850 da ist. Ob er durch Feuchtigkeit entstanden ist oder durch eine falsche Reparatur vor 30 Jahren. Das weiß nur jemand, der jahrelang mit alten Gebäuden gearbeitet hat.
Die Zukunft liegt in der Kombination. Hochpräzise Digitalisierung + fachkundige Interpretation. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt testet seit 2023 KI-Algorithmen, die Schadensbilder mit 89 % Genauigkeit klassifizieren. Das ist viel. Aber nicht genug. Die menschliche Expertise bleibt unersetzlich.
Warum ist das alles so wichtig?
Weil ein Denkmal nicht nur ein Gebäude ist. Es ist ein Dokument. Ein Stück Kulturgeschichte. Und wie jedes Dokument muss es richtig gelesen werden. Wenn man den Zustand falsch einschätzt, kann man das Denkmal ruinieren - ohne es zu wollen.Ein Beispiel: Ein Fachwerkhaus hat an der Nordseite feuchte Flecken. Ein Anfänger sagt: „Das ist Schimmel, wir streichen um.“ Ein erfahrener Restaurator sieht: Die Feuchtigkeit kommt von oben. Der Dachstuhl ist undicht. Die Holzbalken sind verfault. Die Wand ist nur das Opfer. Wer nur die Flecken sanieren lässt, macht das Problem nur schlimmer. Die Zustandserfassung zeigt: Die Ursache liegt nicht an der Wand. Sie liegt im Dach. Und das muss zuerst repariert werden.
Und es geht nicht nur ums Bauen. Es geht ums Geld. In Deutschland ist die Zustandserfassung ein 42,7 Millionen Euro schwerer Markt. 78 % der Aufträge kommen von öffentlichen Stellen. In Bayern muss man eine solche Dokumentation machen, wenn die Sanierung über 500.000 Euro kostet. In Nordrhein-Westfalen schon ab 250.000 Euro. Wer das nicht macht, bekommt keine Förderung. Keine Genehmigung. Kein Geld.
Was passiert, wenn man es nicht macht?
Es gibt viele Beispiele, wo man es nicht gemacht hat. Und was dann passiert ist.Ein Kirchturm in Sachsen-Anhalt wurde 2018 „restauriert“. Die Fassade wurde komplett neu verputzt. Die alte, historische Putzschicht wurde abgeschlagen. Warum? Weil der Zustand nicht richtig erfasst wurde. Die Putzschicht war zwar beschädigt - aber sie war original aus dem 17. Jahrhundert. Heute ist der Turm ein Schandfleck. Die Originalsubstanz ist weg. Und die Sanierung hat 1,2 Millionen Euro gekostet - für nichts.
Ein anderes Beispiel: Ein Bürgerhaus in Leipzig wurde 2020 mit einer modernen Dämmung ausgestattet. Die alten Ziegel wurden nicht geprüft. Die Feuchtigkeit konnte nicht mehr entweichen. Drei Jahre später war die Innenseite der Wände voller Schimmel. Die Dämmung musste raus. Die Wände mussten neu aufgebaut werden. Die Kosten: 800.000 Euro. Die Zustandserfassung hätte das verhindert.
Feuchtigkeitsschäden sind besonders heimtückisch. In 65 % der Gutachten wird die zeitliche Entwicklung nicht dokumentiert. Man sieht: Da ist Feuchtigkeit. Aber: Wann ist sie entstanden? Wird sie schlimmer? Ist sie schon seit 100 Jahren da? Ohne diese Einordnung ist jede Maßnahme blind.
Was muss man tun?
Wenn Sie ein Denkmal sanieren wollen - egal ob als Privatperson, Gemeinde oder Kirchengemeinde - dann machen Sie es richtig.- Beauftragen Sie einen staatlich anerkannten Sachverständigen. Nicht irgendeinen Handwerker. Einen, der speziell für Denkmalschutz ausgebildet ist.
- Verlangen Sie eine vollständige Zustandserfassung: Gutachten, Kartierung, Fotos. Nach DIN 4150-3. Mit Maßstab. Mit Aufmaß.
- Stellen Sie sicher, dass die verwendeten Methoden im Gutachten dokumentiert sind. Nicht nur das Ergebnis. Sondern auch: Wie wurde es gemacht?
- Verlangen Sie eine Auflistung aller verwendeten Materialien und Hilfsmittel. Wer hat was benutzt? Welche Kamera? Welche Software? Welche Kartierungsmethode?
- Verwenden Sie digitale Methoden - aber nur als Unterstützung. Lassen Sie einen erfahrenen Restaurator das Ergebnis prüfen.
- Speichern Sie alle Daten digital und physisch. Für die Zukunft. Für spätere Generationen.
Die Europäische Denkmalpflegekooperation hat 2021 einen gemeinsamen Dokumentationsstandard eingeführt. In 92 % der EU-geförderten Projekte wird er jetzt angewendet. Deutschland muss da mithalten. Nicht nur aus Gründen der Qualität. Sondern auch aus Gründen der Verantwortung.
Was kommt als Nächstes?
Die Bundesstiftung Denkmalpflege fördert bis 2025 das Projekt „Zustandserfassung 4.0“ mit 2,4 Millionen Euro. Ziel: Eine standardisierte digitale Plattform, auf der alle Daten - Fotos, Kartierungen, Messwerte - zentral gespeichert und abrufbar sind. Das wird die Arbeit erleichtern. Und es wird die Transparenz erhöhen.Der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) sagt seit 2023 klar: Ein Denkmal ist nie fertig. Es verändert sich. Es atmet. Es reagiert auf das Klima. Es braucht keine einmalige Sanierung. Es braucht kontinuierliche Beobachtung. Zustandserfassung ist nicht der Anfang. Sie ist der Beginn einer langen Geschichte.
Die Frage ist nicht: „Können wir das Denkmal retten?“ Die Frage ist: „Wie dokumentieren wir es so, dass wir es in 100 Jahren noch verstehen?“
Warum ist die Zustandserfassung vor einer Sanierung so wichtig?
Sie ist die einzige Grundlage, um zu wissen, was wirklich kaputt ist - und was nicht. Ohne sie riskiert man, Originalsubstanz zu entfernen, falsche Ursachen zu behandeln oder teure Fehler zu machen. In 41 % der Fälle führten ungenaue Zustandserfassungen zu falschen Sanierungsentscheidungen.
Was kostet eine Zustandserfassung für ein Denkmal?
Die Kosten hängen von Größe, Komplexität und Methode ab. Eine manuelle Kartierung mit Fotos kostet zwischen 800 und 1.500 Euro für ein durchschnittliches Fachwerkhaus. Digitale Methoden wie Laserscanning kosten 1.200 bis 1.800 Euro. Aber sie liefern präzisere Daten und sparen später Zeit und Geld bei der Sanierung.
Darf ich die Zustandserfassung selbst machen?
Sie können Fotos machen und Notizen schreiben - aber kein offizielles Gutachten. Nur staatlich anerkannte Sachverständige dürfen ein rechtlich gültiges Gutachten erstellen, das für Fördermittel und Genehmigungen akzeptiert wird. Eigenleistung ist hilfreich, aber nicht ausreichend.
Welche Technik ist am besten: Laserscanning oder Fotos?
Beide haben ihre Stärken. Laserscanning liefert detaillierte 3D-Modelle und ist ideal für komplexe Formen. Fotos zeigen Farbe, Material und Oberflächenstruktur besser. Die beste Lösung ist die Kombination: Fotos für Details und Farben, Laserscanning für Form und Struktur.
Was ist der Unterschied zwischen Zustandserfassung und Monitoring?
Zustandserfassung ist die erste Aufnahme - der Moment, bevor etwas passiert. Monitoring ist die fortlaufende Beobachtung danach. Es geht darum, zu sehen, ob sich Schäden verschlimmern, ob Maßnahmen wirken oder ob neue Probleme entstehen. Beides gehört zusammen.
Wie lange dauert eine Zustandserfassung?
Für ein kleines Denkmal wie ein Fachwerkhaus mit 150 m² Grundfläche braucht man 80 bis 150 Stunden. Davon entfallen etwa 40 % auf die Kartierung, 30 % auf die Fotodokumentation und 20 % auf das Gutachten. Größere Gebäude oder Kirchen können mehrere Monate dauern.
Warum werden manchmal Schäden übersehen?
Weil die Kartierung nicht detailliert genug ist. Oder weil die Fotos ohne Maßstab aufgenommen wurden. Oder weil die Person, die die Aufnahme macht, nicht weiß, wonach sie suchen muss. Erfahrung zählt. Ein Laie sieht eine Wand. Ein Experte sieht die Verformung, die Farbveränderung, die Feuchtigkeitslinie - und weiß, was das bedeutet.