Stellen Sie sich vor, Ihre Abwasserleitung ist undicht. Nicht groß, nicht sichtbar - aber genug, um Schadstoffe ins Erdreich zu leiten. Oder noch schlimmer: Grundwasser fließt in Ihre Leitung ein und überlastet die Kläranlage. Das ist kein Szenario aus einem Horrorfilm, sondern eine reale Gefahr, die jedes Jahr Tausende Hausbesitzer in Deutschland trifft - oft erst, wenn es zu spät ist. Die Lösung? Eine ordnungsgemäße Dichtheitsprüfung an Abwasserleitungen. Doch was genau wird geprüft? Welches Verfahren ist das richtige? Und wann müssen Sie handeln? Hier finden Sie die klaren Antworten - ohne juristischen Ballast, nur das, was wirklich zählt.
Warum eine Dichtheitsprüfung nicht nur Pflicht, sondern Schutz ist
Abwasserleitungen sind unsichtbare Lebensadern Ihres Hauses. Sie transportieren Schmutzwasser aus Küche, Bad und Waschmaschine - und wenn sie undicht sind, wird das Problem nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Abwasser enthält Bakterien, Schwermetalle und chemische Stoffe, die den Boden und das Grundwasser kontaminieren. Und das ist nicht nur ein Umweltproblem: In vielen Fällen haften Hausbesitzer persönlich, wenn durch eine undichte Leitung Schäden entstehen. Versicherungen zahlen oft nicht, wenn keine ordnungsgemäße Prüfung vorliegt. Die rechtliche Grundlage dafür ist die DIN EN 1610:2015-12. Diese Norm legt fest, wie Abwasserleitungen geprüft werden müssen, um ihre Dichtheit nachzuweisen. Sie gilt für alle erdverlegten Leitungen - also jene, die unter der Erde liegen und vom Haus zum öffentlichen Kanal führen. Für Leitungen im Haus selbst, wie Fall- oder Sammelleitungen, besteht keine verbindliche Prüfpflicht. Aber: Wer seine Immobilie verkaufen möchte, sollte diese Leitungen trotzdem prüfen lassen. Viele Städte verlangen heute einen Nachweis, auch wenn es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist.Drei Verfahren - welches passt zu Ihrer Leitung?
Es gibt drei offizielle Prüfverfahren, die nach DIN EN 1610 zugelassen sind. Keines ist per se „besser“ - aber eines passt meist besser zu Ihrer Situation.- Verfahren W (Wasser): Die Leitung wird mit Wasser gefüllt, der Druck wird gemessen. Wenn der Wasserstand innerhalb einer festgelegten Zeit nicht sinkt, ist die Leitung dicht. Dieses Verfahren ist besonders präzise - ideal für Schächte und große Rohre. Aber es ist aufwendig: Sie brauchen viel Wasser, eine Möglichkeit zur Entsorgung und bis zu zwei Stunden Zeit. Es lohnt sich nur, wenn Sie hohe Sicherheit brauchen oder Schächte prüfen.
- Verfahren L (Luft): Das am häufigsten verwendete Verfahren. Die Leitung wird mit Luft unter Druck gesetzt - meist 10 bis 200 Millibar. Dann wird über 5 bis 15 Minuten beobachtet, ob der Druck abfällt. Wenn ja, gibt es Undichtigkeiten. Vorteil: Schnell, günstig, kein Wasser nötig. Nachteil: Bei alten Betonrohren kann Luft durch winzige Poren dringen - das sieht wie ein Leck aus, ist es aber nicht. Das passiert bei etwa 15 % der Altbauprüfungen. Fachleute wissen das und bewerten die Werte entsprechend.
- Optische Prüfung (Kanalkamera): Kein Druckverfahren, aber unverzichtbar. Mit einer Kamera wird die Leitung von innen abgefilmt. Sie sehen Risse, Wurzeln, Verschiebungen, Korrosion. Diese Methode liefert keine quantitativen Daten über den Druckverlust - aber sie zeigt, wo das Problem wirklich liegt. Deshalb wird sie oft vor oder nach einer Luft- oder Wasserprüfung eingesetzt.
Die Wahl des Verfahrens hängt von drei Faktoren ab: dem Rohrmaterial (PVC, Beton, Ton), dem Durchmesser der Leitung und den örtlichen Vorgaben. In der Praxis entscheiden sich 80 % der Hausbesitzer für das Luftverfahren - es ist der beste Kompromiss aus Kosten, Zeit und Aussagekraft.
Wann müssen Sie die Prüfung durchführen? Fristen je Bundesland
Hier kommt es auf den Ort an. Es gibt keine bundesweite Regelung. Jede Kommune entscheidet selbst.- Neubauten: In fast allen Bundesländern ist eine Dichtheitsprüfung vor der Inbetriebnahme verpflichtend. Das ist Standard. Wer das nicht macht, bekommt keine Baugenehmigung oder keinen Anschluss an die Kanalisation.
- Bestandsbauten: Hier wird’s kompliziert. In Baden-Württemberg und Bayern wird empfohlen, alle 30 Jahre zu prüfen - aber das ist nur eine Empfehlung. In Nordrhein-Westfalen ist keine regelmäßige Prüfung vorgeschrieben, es sei denn, es gibt Hinweise auf Schäden. In Berlin dagegen: Seit 2020 müssen alle Eigentumswohnungen, die verkauft werden, eine aktuelle Dichtheitsprüfung vorlegen. Andere Städte wie Köln, Hamburg oder München folgen langsam.
- Verkauf der Immobilie: Das ist der wichtigste Zeitpunkt. Immer mehr Städte verlangen einen Prüfnachweis. Wenn Sie verkaufen, fragen Sie Ihre Gemeinde. Oft ist es der einzige Grund, warum Hausbesitzer eine Prüfung durchführen lassen - und das zu Recht.
Die RAL-GZ 968 empfiehlt eine Prüfung alle 30 Jahre. Aber: Das ist keine Gesetzesvorschrift. Es ist eine Empfehlung von Fachverbänden. Wer sich daran hält, handelt vorsichtig - aber nicht verpflichtet. Die einzige echte Pflicht: Wenn Sie bauen, sanieren oder verkaufen.
Wer darf die Prüfung durchführen?
Nicht jeder Handwerker darf eine Dichtheitsprüfung machen. Es muss ein zertifizierter Fachbetrieb sein. Warum? Weil die Prüfung dokumentiert werden muss - und die Dokumentation muss den Anforderungen der DIN 1986-30 entsprechen.Die Prüfer müssen:
- Eine spezielle Ausbildung nachweisen (z. B. als Kanalinspektor)
- Die richtigen Geräte besitzen (Druckmessgeräte mit max. 10 % Fehlergrenze)
- Eine Dichtblase oder Stopfen verwenden, um den Prüfabschnitt abzusperren
- Ein Prüfprotokoll erstellen, das alle Daten enthält: Datum, Verfahren, Druckwerte, Rohrmaterial, Länge, Ergebnis
Ein typischer Ablauf für ein Einfamilienhaus mit 20 Metern Leitung: Zuerst wird die Leitung gereinigt - Schmutz und Ablagerungen können das Ergebnis verfälschen. Dann wird die Kamera eingefahren. Danach werden die Dichtblasen platziert. Die Luft- oder Wasserprüfung dauert 20 bis 30 Minuten. Alles zusammen: etwa zwei Stunden Arbeitszeit. Danach bekommen Sie ein Dokument - unterschrieben, datiert, mit Prüfnummer. Dieses Papier ist Ihr Beweis. Ohne es: kein Verkauf, keine Genehmigung, keine Versicherungsleistung.
Was passiert, wenn die Prüfung fehlschlägt?
Ein negatives Ergebnis ist kein Weltuntergang - aber es ist ein Alarm. Die meisten Undichtigkeiten sind reparierbar. Häufige Ursachen:- Wurzeln, die in die Rohre wachsen
- Verformte oder abgerutschte Rohre
- Alte, poröse Betonrohre
- Fehlerhafte Fugen bei Sanierungen
Die Reparatur kann je nach Schaden von der Inliner-Sanierung (Einbringen eines neuen Schlauchs) bis zur kompletten Rohrverlegung reichen. Die Kosten liegen zwischen 1.500 und 15.000 Euro - je nach Länge, Tiefe und Material. Aber: Eine Reparatur ist immer günstiger als die Folgeschäden. Bodenverunreinigung, Sanierung der Grundstückswände, Strafen der Behörden - das kann schnell 50.000 Euro kosten.
Wichtig: Nach der Reparatur muss die Leitung erneut geprüft werden. Nur dann ist der Nachweis gültig.
Die Zukunft: Digitalisierung und KI
Die Prüftechnik entwickelt sich schnell. Moderne Geräte wie der Wöhler M 603 messen den Druck automatisch, berechnen die Grenzwerte selbst und speichern alles digital. Das reduziert menschliche Fehler um bis zu 40 %. Noch wichtiger: Kameras mit KI erkennen jetzt Schäden selbst - Risse, Korrosion, Verformungen - und klassifizieren sie, ohne dass ein Mensch jedes Bild anschauen muss. Bis 2027 werden über 60 % der Prüfungen von solchen Systemen begleitet, prognostizieren Experten vom DWA.Das bedeutet: Prüfungen werden schneller, genauer und günstiger. Aber: Die Verantwortung bleibt beim Hausbesitzer. Die Technik hilft - aber sie ersetzt nicht die Pflicht, rechtzeitig zu handeln.
Was Sie jetzt tun sollten
Wenn Sie ein Haus besitzen, das älter als 20 Jahre ist, und Sie nicht wissen, ob die Leitungen geprüft wurden:- Prüfen Sie Ihre Unterlagen: Haben Sie ein Prüfprotokoll aus den letzten 10 Jahren?
- Fragen Sie Ihre Gemeinde: Gibt es eine Prüfpflicht bei Verkauf oder Sanierung?
- Wenn Sie verkaufen wollen: Lassen Sie die Leitung jetzt prüfen - nicht erst, wenn der Käufer nachfragt.
- Wenn Sie sanieren: Planen Sie die Dichtheitsprüfung von Anfang an mit ein.
Es ist kein Luxus. Es ist eine Versicherung - für Ihre Gesundheit, für Ihre Immobilie, für die Umwelt. Und es ist einfacher, als Sie denken.
Muss ich meine Abwasserleitung immer prüfen lassen?
Nein, nicht immer. Eine verbindliche Prüfpflicht gibt es nur bei Neubauten, umfangreichen Sanierungen oder beim Verkauf der Immobilie - und das hängt vom Bundesland ab. In manchen Städten wie Berlin ist die Prüfung beim Verkauf Pflicht, in anderen nur empfohlen. Für private Haushalte ohne Verkauf oder Sanierung besteht keine gesetzliche Pflicht zur regelmäßigen Prüfung. Trotzdem ist eine Prüfung alle 20-30 Jahre sinnvoll, um teure Folgeschäden zu vermeiden.
Kann ich die Dichtheitsprüfung selbst machen?
Nein. Nur zertifizierte Fachbetriebe dürfen eine offizielle Dichtheitsprüfung durchführen. Sie brauchen spezielle Geräte, die nur wenige Unternehmen besitzen, und müssen die Ergebnisse in einem standardisierten Protokoll dokumentieren. Selbst wenn Sie eine Luftpumpe und eine Kamera haben - das Ergebnis hat keine rechtliche Gültigkeit. Behörden und Käufer akzeptieren nur Prüfungen durch zugelassene Unternehmen.
Wie viel kostet eine Dichtheitsprüfung?
Für ein Einfamilienhaus mit einer Leitungslänge von 20 bis 40 Metern liegen die Kosten zwischen 300 und 700 Euro. Das beinhaltet meist die Reinigung, die Kamerainspektion und die Luftprüfung. Größere Anlagen, wie bei Mehrfamilienhäusern oder Gewerbe, kosten mehr. Wasserprüfungen oder komplizierte Sanierungen können bis zu 1.200 Euro kosten. Es lohnt sich, mehrere Angebote einzuholen - aber achten Sie darauf, dass der Betrieb zertifiziert ist.
Was passiert, wenn ich keine Prüfung vorlege, wenn ich verkaufe?
In Städten mit Prüfpflicht - wie Berlin, München oder Köln - kann der Verkauf blockiert werden. Der Käufer oder die Behörde verlangt den Nachweis. Ohne ihn wird der Grundbuchauszug nicht ausgehändigt. In anderen Städten kann der Käufer den Kauf absagen oder einen Preisnachlass verlangen. Viele Käufer ziehen eine Immobilie ohne Nachweis gar nicht erst in Betracht. Es ist ein Risiko, das sich nicht lohnt.
Ist eine Prüfung auch für PVC-Rohre nötig?
Ja. Obwohl PVC-Rohre als dicht gelten, können sie undicht werden - durch falsche Verlegung, falsche Fugen, Bodenbewegungen oder Frost. Auch moderne Rohre brauchen eine Prüfung, wenn sie erdverlegt sind. Die Norm DIN EN 1610 gilt für alle Materialien - nicht nur für Beton oder Ton. Selbst bei neuen Häusern ist die Prüfung verpflichtend, wenn die Leitung unter der Erde liegt.
An Bourmanne
Wieso sollte ich mein Haus verkaufen, nur weil irgendwer in Berlin sagt, ich brauche einen Nachweis? Ich hab’ meine Leitungen 1987 verlegt, die sind aus Ton, und die halten noch länger als meine Ehe. Wer will schon wissen, dass sein Keller seit 30 Jahren ein kleines Abwasserreservoir ist? 😏